Danke Alice.

Vor einigen Tagen überraschte mich meine Frau: Sie fragte mich, warum ich eigentlich kein Feminist sei. Mein Erstaunen war groß, denn bereits vor Jahren hatten wir uns gegen das „traditionelle“ Familienmodell entschieden. Heißt: Sie arbeitet Vollzeit, ich kümmere mich um Kind & Kegel und arbeite Teilzeit. Wie so oft war ihre Einschätzung jedoch korrekt: Aufgrund unseres „progressiven“ Lebensmodells hatte ich die heimliche Hoffnung gehabt, mich um eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Gleichberechtigung“ drücken zu können. Pustekuchen. Zeit für eine Aufarbeitung:

Vor der Geburt unserer Tochter – es war die Anfangsphase des Elterngeldes und der „Vätermonate“ – legten auch wir uns die Karten: Wer arbeitet wann und wie viel? Ohne auch nur eine Minute nachzudenken, war für mich die Sache klar: Meine Frau bleibt das erste Jahr zu Hause, dann geht sie in Teilzeit (höchstens 20 Stunden) – und ich nehme fortschrittlicherweise zwei Monate Elternzeit, in denen wir Urlaub machen.

Für meine Frau war die Sache nicht so klar.

Sie kannte die Einbahnstraßen und Frustrationssackgassen, die Teilzeit mit sich bringt. Ihr Bedürfnis war ein anderes: Sie wollte nach dem ersten Jahr Vollzeit arbeiten. Erst fiel für mich die Welt zusammen – dann begann auch ich nachzudenken. Viele schlaflose Nächte und Konflikte folgten, bis sich drei – für mich entscheidende – Punkte herauskristallisierten: Anstand, Gewissheit und Glück.

Erstens wurde mir bewusst, dass meine Grundhaltung („Naja, ich schlage vor: Du arbeitest Teilzeit.“) eine unverfrorene Frechheit war. Denn schließlich leben wir nicht mehr in Zeiten, in denen nur der körperlich überlegene Mann den Gaul übers Feld treiben kann. Sondern in einem Zeitalter, in dem Frauen die gleichen Ausbildungen haben – und genauso gut bezahlt werden (sollten).

Meine Frau hat einen besseren Abschluss als ich und verdiente deutlich mehr Geld.

Was aber noch viel wichtiger war: Sie hatte ihre Bedürfnisse klar – ich hatte stumpferweise nicht einmal darüber nachgedacht.

Zweitens: Ich hatte erst massive Zweifel, ob ich in der Lage wäre, ein einjähriges Kind zu betreuen. Ich hatte das ja noch nie gemacht – meine Frau aber auch nicht. Irgendwann wusste ich: Ich schaffe das. Im Nachhinein kann ich sage: Die Zweifel war berechtigt, aber ich/wir habe(n) es trotzdem gepackt.

Nachdem ich schließlich all meine Ängste und Glaubenssätze abgearbeitet hatte, erschien mir plötzlich die Aussicht, mein Kind umfassend betreuen zu dürfen, wie das allergrößte Glück auf Erden. Das hat sich bis heute nicht geändert – und meine größte Sorge war stets, dass meine Frau unser Modell plötzlich aufkündigen könnte.

Die folgenden Jahre waren allerdings auch entbehrungsreich: Die Fragilität der eigenen beruflichen Existenz (und damit Identität), die vielen Krankheiten von Kleinkindern oder völlige Erschöpfungszustände waren Teil unseres Deals.

Und trotz der Freundschaften zu Müttern, die ich im Laufe der Jahre schloss – ich war oft von Einsamkeit geplagt: Bis heute kenne ich lediglich zwei Männer, die einen ähnlichen Lebensweg gewählt haben. Gemeinsam gehen wir diesen Weg mit Stolz.

Meine Vermutung: Frauen in männerdominierten Branchen dürfte es ähnlich gehen. Und mit diesen Frauen gemeinsam haben wir sicherlich auch die Haltung, dass eine Komplett-Aufgabe der männlichen/weiblichen Identität nicht zielführend ist, um die eigene Rolle in „fremden Gefilden“ ausüben zu können. Im Gegenteil.

Und trotzdem: Alle Tage wieder begegnen wir einem Tartüff, der uns „Verweichlichung“ vorwirft. Eine Ignoranz, über die meine beiden Weggefährten und ich nur den Kopf schütteln.

Aber: War das Feminismus? Nein. Die Gründe für mein Handeln waren Fairness, Verantwortungsbewusstsein und Liebe.

Ich habe in den letzten Jahren nie darüber nachgedacht, dass es Frauen und Männer gibt, die gegen massiven Widerstand dafür kämpfen, dass eines Tages Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt ihre Lebensmodelle aushandeln dürfen. Auch zum Wohle der Kinder.

Das beschämt mich – ich bitte um Entschuldigung für meine Bequemlichkeit. Denn auch durch diesen Einsatz hatte ich – als Mann! – die bisher besten Jahre meines Lebens. Trotz aller Entbehrungen habe ich jeden Tag genossen.

Dafür meinen großen Respekt – und vielen herzlichen Dank! Zukünftig werde ich es mir nicht mehr so leicht machen: Der Feminismus kann auf mich zählen.