Haltung bewahren!

Ob Ministerialbeamter, Strafverteidiger oder Polizist – alle haben eine typische Coaching-Frage gemein: Wie kann ich innerhalb meiner beruflichen Rolle eine Haltung entwickeln, die mir erlaubt, die eigenen Werte nicht zu verraten? Und auch im Journalismus wird angesichts wegbrechender Geschäftsmodelle und Fake News-Debatten heftig gestritten, inwieweit das politische Neutralitätsgebot noch gelten kann. Diese Diskussion ist wichtig, aber auch diffus: Eine Rollenklärung kann ich nicht erkennen – und der Begriff „Haltung“ gilt exklusiv für die eigenen Moralvorstellungen. Meine Skizze:

Ohne eine repräsentative Meinungsbefragung durchgeführt zu haben: Ich wette, dass nicht alle Polizisten in Deutschland glühende Anhänger des Braunkohletagebaus sind. Sicher wünschen sich viele nachhaltigere Energiekonzepte und haben Verständnis für Demonstranten, die gegen die Ausbeutung der Natur auf die Straße gehen. Dennoch schützen Polizisten die Arbeiten und machen diesen Job, weil dies für das Funktionieren des Rechtsstaats und damit die Demokratie existenziell ist. Und sie üben diesen Beruf trotz massiver Anfeindungen aus. Das ist Haltung.

Auch Strafverteidiger gehören nicht zu den ersten Sympathieträgern innerhalb unserer Gesellschaft. Gerade deswegen ist dieser Beruf ehrenwert und für den Zusammenhalt der Gemeinschaft wichtig. Würde der Strafverteidiger um die Zuneigung des Publikums buhlen oder den eigenen Mandanten aus „Gerechtigkeitsgründen“ ans Messer liefern, wäre das das Gegenteil von Haltung.

Richtig hart ist das Leben auch für den Ministerialbeamten. Egal, wer ihm als Minister vorgesetzt wird: Er muss bestmöglich dienen. Auch wenn seine eigenen politischen Ansichten mit denen der Regierung kollidieren. Und es ist selbstverständlich, dass er dies tut. Berufsethos. Unsere Demokratie würde sonst zusammenbrechen. Aber seine Haltung hilft dem Beamten auch, dem Vorgesetzten bei Bedarf Grenzen aufzuzeigen.

Letztendlich ist auch die Rolle des Journalisten klar definiert – allerdings deutlich anders, als einige Journalisten dies gerne hätten: In unserer unübersichtlichen Welt brauche ich als Leser eine hervorragend aufbereitete Informationsgrundlage, die mir hilft, meine Entscheidungen mündig zu treffen. Ich muss mich drauf verlassen, dass diese neutral, ausgewogen und korrekt ist. Dies umschließt: Analysen und Bewertungen. Dies umschließt nicht: Meinungen der Journalisten. Von Politikern? Klar! Denn die muss ich schließlich wählen. Journalisten wähle ich jedoch nicht – und diese tragen auch keine politische Verantwortung.

Natürlich können auch Zeitungen versuchen, Meinungen zu verkaufen und Partei zu ergreifen. Allerdings ist dieses Themenfeld schon besetzt: durch Initiativen, Parteien und Lobbyisten. Und zahlen würde ich dafür auch nicht. Warum auch? Wenn wir eines in diesem Land im Überfluss haben, sind es Meinungen. Allerdings bezahle ich gerne für die erwähnte komplexe Dienstleistung.

Es ist schon erstaunlich: Noch nie war das Potential für seriösen Journalismus so groß. Massive Fake-News-Aktionen und Diktatoren allerorten. Ein amerikanischer Präsident, der die Presse verflucht. Wann wurden Journalisten gebraucht, wenn nicht jetzt? Und was sind die Überlegungen? Gefärbte Informationen, um eine Meinungsbalance zu erreichen. Als Haltung getarnt. Danke – aber ohne mich.

Die größte Gefahr für ausgewogenen Journalismus liegt jedoch nicht in der Anfeindung, sondern in der Zuneigung. Sich an Trump abzuarbeiten, ist das eine: viel Feind‘, viel Ehr‘. Deutlich schwieriger ist es, sich vom eigenen Leser abzugrenzen. Gerade diese symbiotischen Beziehungen sind das Gift, das den Journalismus wanken lässt.

Natürlich: Die Existenzangst schwebt über allem – und es ist schwer, die diversen persönlichen Angriffe zu ertragen. Da unterscheidet sich der Journalist nicht vom Polizisten, dem der Demonstrant ins Gesicht spuckt.

Aber letztendlich hilft hier nur eines: Haltung bewahren.

 

Leseempfehlung:

Ein interessanter Artikel zum Thema „Neutralität“: https://mkrohs.pub/journalismus-neutralitaet-spiegel-nyt/