Jenseits von Trallala: Über den Ursprung von Wandel

Die Welt ist im Wandel – jederzeit und offensichtlich ohne Ende. Change-Experten begleiten Firmen und Menschen und feiern die Chancen, Ressourcen und Potentiale: Success-Stories wohin man blickt. Das ist alles richtig und wichtig. Aber wahrer Wandel beginnt viel früher – und hat seinen Ursprung nicht im Zauber, sondern in der Vergebung und der Trauer. Anbei meine Skizze:

Das Leben zu leben, ist ein schöpferischer Akt – und jeder Mensch ist sein eigener Künstler. Innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen trifft er Entscheidungen, entwickelt seine Persönlichkeit und wirkt in Beziehungen zu anderen Menschen. In seinem Beruf arbeitet er innerhalb einer Mannschaft mit anderen Menschen. Gemeinsam schaffen sie ein Werk – seien es Autos, Software oder Finanzprodukte.

Ob bewusst oder unbewusst – die meisten Menschen haben den tiefen Wunsch ihre gesamte Leidenschaft in dieses Werk einzubringen. Und egal, was es wird: Das letztendliche „Produkt“ ist das Ergebnis aus Gedanken, Wünschen, Risiko, Entscheidungen und Emotionen. Und jeder Beteiligte hat einen großen Teil seiner begrenzten Lebenszeit beigesteuert.

Leider währt der Stolz nur kurz – die Rahmenbedingungen ändern sich und das ehemals Vollendete bedarf einer Revision. Und stets wiederholt sich das gleiche Prozedere: Das Erreichte wird abgewertet, das Neue durch bunte Dauerbeschallung so lange den Menschen eingebläut, bis sich auch der Letzte ergeben hat – oder geflohen ist.

Der Preis hierfür ist hoch: Auch Bewährtes geht Koppheister und viele sehen sich um ihr Lebenswerk gebracht. Einem Werk, an dem ausnahmslos alle mitgearbeitet haben – vom Azubi bis zum Vorstand.

Damit dies nicht geschieht, braucht es einen „Raum“ oder ein „Ritual“, damit die Mannschaft vom gemeinsamen Lebensabschnitt Abschied nehmen kann. Diesen „Raum“ müssen die Vorgesetzten öffnen – und das gelingt durch Würdigung, die deutlich macht, dass alles Zukünftige auf der Vergangenheit und den gemeinsamen Wurzeln gründet. Der Berater oder Redenschreiber begleitet diesen emotionalen Prozess mit Empathie.

Die direkte Folge ist aber nicht Freude, sondern Abschied und Trauer. Sowohl die eigenen Fehler aus der Vergangenheit als auch das, was die anderen aus dem Lebenswerk machen werden, gilt es zu vergeben. Das Ergebnis ist ein seelisch aufgeräumtes Unternehmen, das bereit für Wandel ist.

Warum aber sind diese Trauerprozesse nicht immer integraler Bestandteil von Change-Prozessen? Zum einen, weil sich viele vor der Trauer fürchten.

Zum anderen bedarf es bei der Würdigung (und Reform) des Lebenswerks des Vorgängers einer Haltung, die Restrukturierungen eher selten zugrunde liegt. Sie lautet: Demut.