Start-up-Staat

Wie bereitet man eine der ältesten, mächtigsten und wirtschaftlich stärksten Demokratien der Welt auf die Zukunft vor? Man holt außergewöhnliche Menschen an die Spitze der Exekutive. Meine Skizzen anhand des neuen „Personalkonzeptes“ von 10 Downing Street:

Allen Horrorszenarien zum Trotz: Die britischen Wähler haben sich für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Bereits im Zuge des Referendums im Jahr 2016 stimmte die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs dafür, den (vermeintlich) sicheren Hafen der EU zu verlassen.

Es folgte ein demokratischer Emanzipationsprozess, der in der Geschichte einmalig ist und vom Spott der Festland-Europäer begleitet wurde. Fast wäre dieser Prozess gescheitert – bis Boris Johnson am 12. Dezember 2019 die entscheidenden Unterhaus-Wahlen mit absoluter Mehrheit gewann. Der Abnabelungsprozess ist damit final abgeschlossen. Denn: Auch wenn die folgenden Verhandlungen mit der EU aufwändig werden – letztendlich sind sie Formsache.

Weit wichtiger ist die Frage, wie sich das Vereinigte Königreich intern aufstellen wird, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Eine erste Antwort hierauf gibt der Chef-Stratege Dominic Cummings in seinem Blog. In Form einer Stellenanzeige skizziert er den neuen Personalstab in 10 Downing Street und damit die strategische Ausrichtung des Headquarters in London. Insbesondere drei Aspekte werden in seinem Artikel adressiert: Projekt, Mitarbeiterprofil und Unternehmenskultur.

Entsprechend benennt er zunächst die drei Prämissen, die erfüllt sein müssen, bevor ein Change-Projekt überhaupt gestartet werden sollte: Erstens muss es einen Grund für den Wandel geben, zweitens den klaren Gestaltungswillen und drittens das ausreichende Mandat für die Verantwortungsträger.

Dies ist in UK erfüllt. Die Notwendigkeit für den Change ist gegeben, weil der Staat nach der erfolgten Scheidung in extrem kurzer Zeit autonom aufgestellt sein muss. Den nötigen Gestaltungswillen hat die Politik bereits bei der Durchsetzung des Brexit bewiesen – und Johnson & Co. sind auch weiterhin bereit, die Verantwortung für das Hochrisiko-Projekt zu übernehmen. Robust ist auch das Mandat: Die absolute Mehrheit im Rücken steht die komplette Legislaturperiode zur Verfügung.

Um jetzt den politischen Machtwechsel zu vollziehen, bricht das Vereinigte Königreich mit einer Tradition, die auch in europäischen Demokratien nach einer gewonnen Wahl gelebt wird: Dem Austausch der Führungsspitzen und die Besetzung der Schlüsselpositionen mit Partei-Soldaten.

Denn für den zukünftigen Beraterstab ist nicht mehr der Besitz des richtigen Parteibuchs ausschlaggend, sondern dass die Menschen über außergewöhnliche Kompetenzen verfügen und sich weit abseits der Masse bewegen. Gesucht werden herausragende Wissenschaftler mit Affinität zu KI, Mega-Projektmanager und „Verrückte“. Im Mittelpunkt der zukünftigen Arbeit stehen neue Politikansätze auf Basis experimenteller Technologien und disruptiven Denkens. Kurz: Alles was echte Start-ups ausmacht, Unternehmensberatungen gerne wären und dem Öffentlichen Dienst Angst macht.

Und auch die angestrebte Kultur in der politischen Leitzentrale orientiert sich an Start-ups.

So wird nicht unbegrenzte Beamten-Sicherheit versprochen, sondern explizit angekündigt, dass jeder der (doch) nicht passen sollte, sofort rausgeworfen wird. Geworben wird mit einmaligen Erfahrungen – mit der Chance auf persönliches Wachstum und Einblicken in eine spannende Welt. Blender und Büro-Intriganten sind ausdrücklich unerwünscht, angestrebt wird „echte“ Diversity, die sich in den unterschiedlichen Denkansätzen und Ideen äußert.

Dies alles ist für die öffentliche Verwaltung neu – weltweit. Und vielleicht zu neu. Denn es ist (auch) sinnvoll, dass die politische Administration in wechselhaften Zeiten die Ruhe bewahrt.

Das Scheitern eines Staates hat immer tiefreichende Auswirkungen – auch für die Unternehmen eines Landes.

Dennoch: UK hat sich emanzipiert, ist frei, geht eigene Wege – selbstbewusst, mit Konzept und Vision. Echte Digitalisierung wird als Chance begriffen und als Wettbewerbsvorteil gegenüber Brüssel, den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten und dem Rest der Welt.

Und darüberhinaus gilt: Je besser der Brexit gelingt, desto verlockender wird diese Blaupause für jedes zweifelnde EU-Mitglied. Die Drohung mit wirtschaftlicher und politischer „Abhängigkeit“ zieht dann nicht mehr.

Die EU wird sich daher schnell und umfassend bewegen müssen, um nicht noch ein Familienmitglied zu verlieren. Selbstreflexion, das Absteigen vom hohen Roß und der erste Hauch einer (neuen) Vison für die Europäische Union wären ein guter Anfang.

 

Quellen/Literaturempfehlungen:

Die Internetadresse des Blogs mit der Stellenanzeige: https://dominiccummings.com/2020/01/02/two-hands-are-a-lot-were-hiring-data-scientists-project-managers-policy-experts-assorted-weirdos/